Lebensmittelindustrie: Vom Niedergang der Genusskultur. Sind Lebensmittel heute eher “Leidensmittel”?

21. Mai 2019

Die dritte Veranstaltung der Dialogserie “Der Österreicher würzt nach” – dieses Mal im Grazer Augartenhotel – widmete sich dem in den vergangenen Jahren gesunkenen Vertrauen der Konsumenten in die Lebensmittelindustrie.

Durch Preisdruck auf Landwirte und Hersteller, Massentierhaltungen, oder auch nachweislich ungesunde Inhaltsstoffe wie Transfette, haben sich viele Hersteller und Supermarktketten Kritik von Konsumenten, Ernährungsmedizinern und Umweltorganisationen zugezogen. Zudem leiden darunter die regionale Landwirtschaft, kleine Hersteller und die Gesundheit – nicht zuletzt auch das Gesundheitssystem.

Prominente Diskussionsteilnehmer

Unter dem Titel “Lebensmittelindustrie: Vom Niedergang der Genusskultur. Sind Lebensmittel heute eher Leidensmittel?” diskutierten deshalb in einer würzigen aber fairen und ansprechenden Podiumsdiskussion hochkarätige Gäste aus dem interdisziplinären Feld der Ernährungs- und Lebensmittelbranche: Didi Dorner (Haubenkoch, “cuisine intuitive”), Ingrid Kiefer (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit), Oskar Wawschinek (Pressesprecher des Fachverbandes der Lebensmittelindustrie) und Josef Zotter (Chocolatier). Moderiert und inhaltlich “nachgewürzt” wurde die Diskussion wieder von Starkoch Helmut Österreicher. Peter Bermann, Geschäftsführer des Steirischen Ernährungs- und Technologiezentrums, begrüßte im Augartenhotel neben den Diskussionsteilnehmern auch die über 70 Gäste aus unterschiedlichen mit Gesundheits-, Umwelt- und Ernährungsthemen befassten Bereichen, darunter die Ernährungswissenschaftlerin und Landtagsabgeordnete Sandra Holasek und Studierende der Grazer Universitäten.

Wertschätzung für Lebensmittel

In der eineinhalbstündigen Diskussion unterstreicht etwa Haubenkoch Didi Dorner vor allem die Wichtigkeit der Naturbelassenheit von Lebensmitteln und den ehrlichen Umgang mit diesen – vom Landwirt bis zum Supermarkt:

“Die Natur ist der große Künstler eines jeden Lebensmittels! Wir sollen Lebensmittel nicht verfälschen, sondern veredeln.”

Zudem gelte es, unser natürliches Geschmacksempfinden wieder mehr zu schulen, denn dieses sei der beste Hinweis auf die Qualität eines Lebensmittels. Dorner verweist auch darauf, dass viele Lebensmittelintoleranzen ihre Ursache in einem Zuviel vom jeweiligen Lebensmittel haben können. Im Hinblick auf die überbordenden Reglementierungen, etwa bei Obst und Gemüse, wünscht sich der Haubenkoch, dass jede Region ihre jeweiligen regionstypischen Produkte hervorbringen und vertreiben darf, ohne sich Sorten-Regulierungen unterwerfen zu müssen. Chocolatier Josef Zotter betont, dass wir uns wieder mehr Zeit fürs Essen nehmen sollten. Auch Hersteller müssten in der Kommunikation nach außen ihren Lebensmitteln mehr Wert geben und etwa Fleischproduzenten sich trauen, höhere Preise zu verlangen – ein interessanter Aspekt, zu dem auch die weit verbreitete Meinung diskutiert wurde, dass gesunde Ernährung “nicht leistbar” zu sein scheint – eine Frage der Prioritätensetzung, denn sieht man sich die Zahlen der Österreichischen Ernährungsberichte der Universität Wien an, wird schnell klar: Die Österreicher geben heute durchschnittlich weniger für Lebensmittel aus als vor einigen Jahrzehnten. Waren es in den 1950er Jahren noch 42% des Haushaltseinkommens, so sind es aktuell nur mehr 11%.

Lebensmittelsicherheit und Produktqualität

Laut dem Pressesprecher des Fachverbandes der Lebensmittelindustrie, Oskar Wawschinek, sei das Problem, dass drei Lebensmittelketten den österreichischen Markt dominieren und den Preis drücken. Hinsichtlich der großen Mengen weggeworfener Lebensmittel plädiert auch er dafür, dass die Kunden bewusster einkaufen und nicht bei jedem Sonderangebot zugreifen sollten. In punkto Lebensmittelsicherheit unterstreicht Wawschinek die hohen Standards industriell hergestellter und kontrollierter Lebensmittel, in punkto Produktqualität gehen in dieser Diskussion die Meinungen zu ebendiesen auseinander. Zu oft würden dem eine unnatürliche Verarbeitung, ungesunde Zutaten (gehärtete Fette, zu viel Zucker, künstliche Aromen, etc.) und Umweltschäden gegenüberstehen. Ingrid Kiefer von der Agentur für Ernährungssicherheit verweist zudem darauf, dass nicht nur die Werbung die Konsumenten im Ernährungsverhalten negativ beeinflussen kann, sondern zum Beispiel auch Restaurants durch Marketing, Gestaltung und Atmosphäre, wenn dahinter eine geringe Qualität der verwendeten Lebensmittel und gesundheitlich nachteilige Zubereitungsformen stehen.

Essen bedeutet mehr

Für breite Zustimmung an diesem Abend sorgten vor allem drei zentrale, vielleicht sogar grundlegende, Aspekte: Den Lebensmitteln und dem Essen wieder mehr Zeit zu schenken, sich bewusst zu machen, was Ernährung eigentlich bedeutet, und dass schlussendlich wir alle durch unser Kaufverhalten bestimmen, welche Produkte in den Regalen landen.

Dies kann nur gemeinsam geschehen. Durch viele qualitätsbewusste Hersteller und Konsumenten. Durch eine ehrliche und respektvolle Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelherstellern. Und durch das aktive Leben der Vision einer gesünderen Gesellschaft und lebenswerten Umwelt. Jeder einzelne wird davon profitieren.

Mag. Christian Pendl